Das Eiswettfest

EisschollenDie Eisprobe muss Konsequenzen haben: Der Wetteinsatz will verspeist sein. Dafür treffen sich am 3. Januarsamstag jene 700 Männer zum Eiswett-Stiftungsfest. Den Mitgliedern des Präsidiums und den Tischältesten ist der Frack vorbehalten. Alle anderen, egal ob Eiswett-Genosse oder Gast, müssen mit dem Smoking als Kleidungsstück niederen Rangs vorlieb nehmen. Nach dem zweiten Weltkrieg fanden die meisten Stiftungsfeste bis zur 166. Eiswette im Jahre 1995 in der „Glocke" im Stadtzentrum statt. Deren Renovierung unter baulicher Veränderung erzwang den Umzug in den Hansesaal des Congress Centrums, an den sich die Eiswett-Gesellschaft aber überraschend schnell gewöhnt hat. Jeder der knapp dreihundert Eiswett-Genossen darf einen persönlichen Gast einladen oder vorschlagen, die restlichen Plätze besetzt das Präsidium zumeist mit Prominenten aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Sie sollen das Bild eines weltoffenen Landes Bremen, der ältesten noch bestehenden Stadtrepublik Europas, hinaustragen und von einem ebenso interessanten wie interessierten Zweistädte-Gemeinwesen künden.
Die Liste der Ehrengäste führt fast alle Bundespräsidenten und Bundeskanzler, viele Minister, aber auch bedeutende Wirtschaftsführer, Geistesgrößen der Kultur und natürlich Botschafter und Gesandte aus aller Herren Länder.

Warum die Eiswett-Genossen so heißen und dabei überhaupt keine Probleme haben, mit den Genossen der politischen Linken verwechselt zu werden, beruht auf einer immer wieder gerne zitierten definitorischen Abgrenzung:

„Genossen kommt von Genießen. Und das ist erkennbar die Vergangenheitsform, oder humanistisch ausgedrückt das Partizip Perfekt. Nur perfekt genießen macht also zu Genossen. Die genießen, haben später genossen, nicht etwa die, die niesen, denn die haben genießt, aber nicht genossen. Was genießen aber Genossen? Sie genießen nichts, also können sie auch nicht sagen, sie haben genossen, sondern nur, wir sind Genossen."

Rede des PräsidentenSiebenundvierzig runde Tische verteilen sich im Saal wie Eisschollen auf der Weser. An jedem Tisch ist ein Tischältester Herr über die Sitzordnung und Einhaltung der Regularien, vom Beginn des Festes mit der Ehrung der im verflossenen Jahr verstorbenen Eiswett-Genossen bis zum fast acht Stunden späteren Ende. Auf die Begrüßungsrede des Präsidenten folgt die Rechnungsablage durch den Schatzmeister, der in launigen Worten Bremische Politik, Bremische Gesellschaft und die große Politik in Berlin auf die Schippe nimmt, über das Ergebnis der Sammlung im Vorjahr berichtet und die Weiterleitung allen Geldes an die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger bestätigt.

Als weiteres Highlight hält dann der erste der beiden Ehrengäste die „Deutschland- und Bremen-Rede", die stets mit dem gemeinsamen Singen der Nationalhymne quittiert wird. Dazwischen die einzelnen Gänge der immer gleichen Menüfolge mit dem „Bratengang" - Kohl und Pinkel - als Hauptgericht.

Notarius PublicusNach dem schweren Bratengang waltet der Notarius Publicus seines Amtes. Er berichtet über das Ergebnis der Eisprobe und trägt die neue Wette aus. Weil niemand der Eiswett-Genossen so weltfremd wäre, auf „Weser zu" zu wetten, sind die Eiswett-Genossen in zwei hälftige Listen aufgeteilt, die rote und die grüne - ohne jegliche parteipolitische Anspielung. Und der Notarius Publicus bittet die beiden Ehrengäste mittels Losziehung, die anstehende Wette zu bestimmen: Aus einem Beutel die Farbe der wettenden Liste und aus dem anderen Beutel den Inhalt der Wette. Zieht beispielsweise der erste Ehrengast die rote Liste und der zweite Ehrengast die Wettaussage „Weser zu" ... dann hat die rote Liste die Wette schon verloren!
Nach so viel anstrengendem Ritual bedarf es einer Pause - was die Abkürzung Raupipau bedeutet, soll an dieser Stelle nicht offenbart werden. Aber nun darf draußen im Foyer eine Stunde lang geraucht und frisch gezapftes Bier getrunken werden. Es treffen sich alte und neue Freunde, und zu einem unglaublichen Stimmengewirr lösen sich die stundenlang im Zaum gehaltenen Zungen.

SchatzmeisterUnd wenn die Glocke wieder in den Saal ruft, muss das Eiswettspiel - eine meist kabarettistische Einlage - den Versuch unternehmen, das Auditorium wieder auf die Bühne und das Rednerpult zu konzentrieren. Denn nun ruft der Schatzmeister die Eiswett-Genossen und alle Gäste zur Spende für die
Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger
auf, er schmeichelt, fordert und appelliert - und potztausend: bisher ist es ihm noch immer gelungen, die Spendenfreudigkeit der Eiswett-Gesellschaft gegenüber der des Vorjahres zu steigern; 177.835,51 Euro waren es anno 2004 bei der 175. Eiswette. Eine gewaltige Steigerung, bedenkt man, dass 1960 knapp 15.000,00 DM in den Sammeltellern lagen.

Es folgt der gewissermaßen familiäre Teil der Eiswett-Genossenschaft: Für 25-, 40- oder gar 50-jährige Zugehörigkeit werden die Jubilare geehrt, und es werden neue Eiswett-Genossen in die Gemeinschaft aufgenommen, die sich während ihres einjährigen Noviziats durch Armut, Keuschheit und Demut dafür qualifiziert haben.

Jubilare

Wie man Eiswett-Genosse wird und welche Kriterien das hochweise Präsidium bei der Auswahl der Novizen anlegt, ist eines der bestgehüteten Geheimnisse in Bremen. Nur soviel ist durchgedrungen: Wer sich selbst bewirbt, kann in der Gewissheit leben, nie Eiswett-Genosse zu werden.

Nachdem also die Jubilare und die frischgebackenen Eiswett-Genossen unter dem gemeinsamen Gesang des Eiswettliedes an ihre Tische zurückgeleitet worden sind, entbietet der zweite Ehrengast in einer launigen Rede, in der Bremen nicht selten der Spiegel vorgehalten wird, den Dank der Gäste für ihre Teilnahme an der Eiswette.

Über 7 Stunden haben die Eiswett-Genossen und ihre Gäste dann schon miteinander verbracht und es gehört zum Geheimnis dieser Veranstaltung, dass die rund 700 Herren bis dahin nicht das Gefühl beschlichen hat, nun müsse der Abend aber zügig abgeschlossen werden.

SchneiderelleErst kurz vor dem Ende, manchmal auch nach der achten Stunde, entlässt der Präsident Genossen und Gäste mit seinen Schlussworten in die kalte Winternacht, die für viele noch ein Nachspiel bereithält. Herren, die weiterhin unter sich bleiben wollen, treffen sich zu kaltem Pils und einem Mitternachtsbuffet in einer der Eiswette verbundenen Bank. Die anderen und das sind nicht wenige - eilen zum nahegelegenen Park Hotel, wo die Damen zu einem nächtlichen Ball auf ihre Tanzpartner warten. Gerade für auswärtige Gäste ein unvergessliches Erlebnis.

Botschafterin bremischer Tradition und hanseatischen Bürgersinns wird die Eiswette gelegentlich genannt, aber auch eines der subtilsten Marketinginstrumente der Hansestadt, das auf die Gäste aus Nah und Fern seine Wirkung ganz selten nur verfehlt. Und so ist deren Frage, „Glauben Sie, dass ich eine Chance habe, noch einmal eingeladen zu werden", von den gastgebenden Eiswett-Genossen häufig nur sehr schwer zu beantworten, weil schon so viele darauf warten, von ihnen zum ersten Mal eingeladen zu werden.