Die Eiswette

Am Tag der Heiligen Drei Könige Schlag zwölf Uhr ziehen etwa fünfzehn ehrwürdig schwarz gekleidete Herren gemessenen Schritts, vielleicht unter der Last ihrer Jahre etwas gebeugt, aber freundlich ihre Zylinder lüpfend zur Begrüßung der umstehenden, nach hunderten oder gar tausenden zählenden Zuschauer, den Punkendeich am Rande der Bremer Altstadt hinunter, um unmittelbar am Ufer der Weser eine überaus wichtige Handlung vorzunehmen - die Eisprobe. Sie werden vom Zeremonienmeister erwartet, der bereits eine gute alte Dezimalwaage hat aufstellen lassen, und sie erwarten ihrerseits - na klar: Die Heiligen Drei Könige. Diese erscheinen auch in all ihrer Pracht, und zumeist verspätet kommt dann auch ein Schneiderlein von - hoffentlich! - 99 Pfund...

Nicht überliefert ist, wie Anfang Januar 1830 der Ausgang jener ersten Wette (eigentlich war es ja schon die zweite) überprüft wurde. Erst später entwickelte sich nach einigem Hin und Her das Ritual der Eisprobe am 6. Januar, dem Tage der Heiligen Drei Könige, und die volkstümliche Zeremonie am Weserufer des Punkendeichs.
Und natürlich die Konditionierung der Antwort auf die Frage, ob die Weser „steiht" oder ob sie „geiht": Sie steiht, wenn ein 99-pfündiger Schneider mit einem heißen Bügeleisen in der Hand trockenen Fußes auf die andere, die Neustadtseite des Flusses, laufen kann.

Es ist offensichtlich, dass die Prüfung, ob der Schneider diese Voraussetzungen erfüllt, nur unter Zuhilfenahme juristischer und medizinischer Expertise beantwortet werden kann. Also vervollständigt ein Medicus Publicus die Riege des Eiswett-Präsidiums, das einen Notarius Publicus zu seinen Mitgliedern zählt, und jener Medicus vollzieht sowohl den Wiegevorgang als auch die Bestimmung der Temperatur des Bügeleisens.
Zu ersterem benutzt er die schon erwähnte Dezimalwaage, und zum anderen benutzt er seine Finger, was diesen immer wieder gar nicht gut bekommt...

Präsidium und SchneiderZuvor aber hatte sich das fesch herausgeputzte Schneiderlein mit vorlauten und aufmüpfigen Reden in Diskussionen mit dem Eiswett-Präsidenten verstrickt und zur Freude der vielen Zuschauer und -hörer - Lautsprecher hatten sie zuvor musikalisch unterhalten - so ziemlich alle bremischen Vorjahres-Possen in Politik, Kultur und sonstigem Zusammenleben aufgespießt. Bis es sowohl den Heiligen Drei Königen als auch dem Notarius Publicus zu bunt wird und er nachdrücklich darauf besteht, dass das hochnotpeinliche Zeremoniell der Eisprobe fortgesetzt werde. Endlich also nötigt der Medicus den Schneider auf die Dezimalwaage - und muss regelmäßig feststellen, dass die geforderten neunundneunzig Pfund entweder nicht erreicht oder überschritten sind. Dafür aber hat der Schneider jeweils so stichhaltige Argumente, dass selbst der Notarius Publicus dem Präsidenten empfiehlt, diesen Punkt der Regularien als erfüllt anzusehen.

Den zweiten Punkt bestätigen die verbrannten Finger des Medicus, so dass der Schneider loslaufen könnte, um zu prüfen, ob er trockenen Fußes auf die andere Weserseite gelangen kann. Doch er zögert das Unvermeidliche hinaus: Seit Franzius den Weserlauf begradigt hat und salzhaltiges, den Gefrierpunkt herabsetzendes Brackwasser in die Weser weiter aufwärts gelangen kann und auch in deren Zuflüsse immer mehr Salzeintragungen erfolgten, kann die Weser kaum noch zufrieren; versucht sie es dennoch, kommt ein Eisbrecher dem dadurch bedrohten Weserwehr zu Hilfe. Das arme Schneiderlein also sieht die Weserfluten und sein Ertrinkungsende nahe! Wenn er dann aber trotzdem mit der inzwischen ergatterten Doppelmagnumflasche Eiswettkorn zum Wasser läuft, vertraut er auf das dort wartende Tochterboot eines in der Wesermitte liegenden Seenotrettungskreuzers der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger. Dieser ist der Eiswettschneider lieb und teuer, ist doch die während des Eiswett-Stiftungsfests gesammelte Spende die größte jährliche Einzelspende, welche die ausschließlich aus Spendengeldern finanzierte Seenot-Rettungsgesellschaft erhält - aber das ist eine andere Geschichte.

Der Eiswettschneider ist nun zwar in Sicherheit und winkt, während ihn das Tochterboot auf der anderen Weserseite an Land setzt, mit seiner Riesenbuddel Korn frech hinüber zum düpierten Präsidium. Diesem bleibt auf Geheiß seines Präsidenten nun nur die rituelle Steinwurfprobe. Von hübsch gekleideten Pagen aus kleinen Säckchen mit handschmeichlerischen Steinen versorgt, nähert sich die Zylindergesellschaft dem Ufer bis hart an die Gefahrenzone. Die in (mehr oder weniger) eleganten Bögen gen Weser geworfenen Steine platschen vernehmlich auf das Wasser und versinken regelmäßig spontan, was den Eiswett-Präsidenten das Ergebnis der Eisprobe verkünden lässt: „De Werser geiht!".